Wilhelmshorst feiert Schnapszahl-Jubiläum

Im Reigen der Ortsjubiläen tanzt Wilhelmshorst ein bisschen aus der Reihe: Statt runden Geburtstag feiert der Ort lieber ein Schnapszahl-Jubiläum, und das gleich an sieben Tagen und in einer Nacht.

Warum runde Geburtstage feiern, so ein Schnapszahl-Jubiläum sieht doch viel schöner aus: Drei Einsen für Wilhelmshorst heißt es ab 1. September in der Waldgemeinde, wenn die Bewohner eine Woche lang das 111-jährige Bestehen ihres Ortes begehen. Und weil drei Einsen irgendwie auch Lust auf ungewöhnliche Dinge machen, sind zum Beispiel ein Festgottesdienst im Freien und Ortsgeschichte zum Schmunzeln mit im Angebot. Wobei der Festgottesdienst am Sonntag auf dem Goetheplatz einen ernsten historischen Hintergrund hat. Ortsgründer Wilhelm Mühler hatte eigentlich geplant, genau dort die Kirche zu bauen. Dass sie etwas versteckt gut 100 Meter entfernt entstand, ist eine lange Geschichte, die so zusammengefasst werden kann: Erst verzögerten Erster Weltkrieg, Inflation und Wirtschaftskrise den Kirchenbau, dann kamen die Nazis, die den zentralen Platz für ihre Zwecke nutzen und kein Gotteshaus dulden wollten.

Kinder, Enkel und Urenkel des Ortsgründers reisen an

Apropos Platz: Ein Höhepunkt der 111-Jahrfeier steht am 7. September an, wenn der östliche Teil des Michendorfer Platzes in Wilhelm-Mühler-Platz umbenannt wird. Mühler hatte 1907 seinen Parzellierungsplan für Wilhelmshorst-Nord vorgelegt. Damit begann die Besiedlung des Gebietes nördlich der Wetzlarer Bahn, was als Geburtsstunde von Wilhelmshorst gilt. Zur Namensweihe werden Kinder, Enkel und Urenkel des Ortsgründers anreisen, sagt Ortsvorsteher Gerd Sommerlatte. Die Mühler-Verwandten sind schon am Abend davor zur festlichen Ortsbeiratssitzung dabei, wenn ab 18 Uhr ein Punkt auf der Tagesordnung steht: 111 Jahre Wilhelmshorst. Der Ortsvorsteher kündigt eine humorvolle Festrede an, die wie zur 100-Jahr-Feier Schauspieler Hans-Jochen Röhrig hält. Der Ortsvorsteher selbst wird noch erzählen, was in den vergangenen elf Jahren passiert ist. Das zum Beispiel: Wilhelmshorst hat die 3000er Marke geknackt, zählt heute 3171 Einwohner – 367 mehr als zum 100. Geburtstag im Jahr 2017. Ein Geheimnis bleibt noch, wer sich zur Festsitzung ins Goldene Buch der Gemeinde Michendorf eintragen wird. So viel darf verraten werden: eine Frau und ein Mann, die sich um Wilhelmshorst verdient gemacht haben.

Wem die „Freunde und Förderer der Wilhelmshorster Ortsgeschichte“ ehren, ist bereits bekannt: Wolfgang Linke wird die Ehrenmitgliedschaft des Vereins verliehen. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern und ist „unser wandelndes Lexikon zur Ortsgeschichte“, sagt Rainer Paetau, der Vereinsvorsitzende. Die Ehrung findet in einer denkwürdigen Nacht statt – in der Nacht der Ortsgeschichte, die am 7. September ab 17 Uhr im Gemeindezentrum in der Albert-Schweitzer-Straße über die Bühne geht. Paetau hat dort Besonderes vor: Er wird elf Thesen zu 111 Jahren Wilhelmshorst symbolisch an die Tür nageln. Weil das Haus unter Denkmalschutz steht, kommen keine Nägel zum Einsatz. Man kann sich die elf Thesen ab 18 Uhr auch in einem Festvortrag anhören. Zum Beispiel These zehn, die sich mit den kulturgeschichtlichen Verlusten und Gewinnen befasst. Ein Verlust war der Abriss des Mühler-Kapuste-Hauses am Michendorfer Platz. Das Haus, das Mühler für seine Tochter und ihren Mann baute, „war ein Hingucker, der 1995 für einen nichtssagenden Neubau abgerissen wurde“, so Paetau.

Digitale Schnitzeljagd für die Jugend

Zu den kulturgeschichtlichen Gewinnen zählt ohne Zweifel der Ortsgeschichtsverein, der inzwischen so viel historisches Material zusammen hat, dass ein Museum eröffnet werden könnte. Weil die Geschichtsfreunde mit der Zeit gehen, stellen sie auch ein Projekt vor, mit dem sie die junge Smartphone-Generation für die Ortsgeschichte gewinnen wollen. Das Stichwort dazu heißt digitale Schnitzeljagd, wobei die Jugend in den Verstecken – wenn wundert’s – Informationen zur Geschichte des Heimatortes findet. Könnte sie vorher üben, hätte sie beim Quiz zur Ortsgeschichte gute Karten. Eine Frage lautet: Seit wann heißt der Ort Wilhelmshorst und woher stammt der Ortsname? Ist er 1907 nach Kaiser Wilhelm benannt worden oder 1911 nach Horst Mühler oder 1911 nach dem „Horst“ des Wilhelm Mühler? Na? Die Antwort gibt es in der Nacht der Ortsgeschichte.

Autor: Jens Steglich (MAZ)

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