11 Thesen zu 111 Jahre Wilhelmshorst

Ein Blick zurück – und nach vorn

Öffentlicher Festvortrag, gehalten zur „Nacht der Ortsgeschichte“ am 7. September 2018 im Rahmen der Festwoche 111 Jahre Wilhelmshorst.

Von Rainer Paetau

Wir Wilhelmshorster blicken in diesem Jahr 2018 auf 111 Jahre unserer Ortsentwicklung zurück. Da liegt es nahe zufragen:

  • Welches sind eigentlich die Kernpunkte dieser Jahrhundert-Geschichte?
  • Worin besteht das besondere Profil von Wilhelmshorst, das diese Siedlung von anderen der Umgebung unterscheidet?
  • Und welche Möglichkeiten und Chancen können sich daraus für die zukünftige Entwicklung von Wilhelmshorst ergeben? Welches kultur-und ortsgeschichtliche Potenzial steckt in unserem Ort?

Das sind drei einfache Fragen, die mir Wolfgang Linke oft gestellt hat. Ich möchte nun versuchen, hierauf zu antworten. Der Anlass meines Vortrags ist also nicht nur unsere 111-Jahrfeier,sondern auch der Abschied von Herrn Linke als Vorstandsmitglied und stellvertretender Vorsitzender unseres Vereins in diesem Jahr – und zugleich seine Ernennung zum Ehrenvorsitzenden.Damit ist der Vortrag zugleich mein persönliches Dankeschön an ihn für eine erfolgreiche und freundschaftliche Zusammenarbeit zugunsten unserer Ortsgeschichte.

Die Antworten auf diese drei Fragen sind gar nicht leicht. Wie Sie wissen, gibt es dazu ein dickes Buch von rund 400 Seiten („100 Jahre Wilhelmshorst …“, veröffentlicht 2007). Ich könnte es mir einfach machen und daraus vorlesen. Doch was hätten Sie davon? Vielleicht ein wenig genüssliche Unterhaltung. Aber das reicht mir nicht – und vor allem darf ich Sie und Ihre Erwartungen nicht unterschätzen. Denn oft hilft ein Blick zurück,um Maßstäbe zurecht zu rücken und Entwicklungen besser zu verstehen. So möchte ich einige Anregungen zur Diskussion über unseren Ort, über Wilhelmshorst bieten. Das soll im Folgenden mit 11 Thesen erfolgen.

1. Doppelte Ortsgründung als Prozess

Wilhelmshorst wurde 1907 gar nicht „gegründet“.Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass in diesem Jahr ein Gründungsakt stattgefunden habe oder eine Gründungsurkunde ausgestellt worden sei. Vielmehr legte der Kaufmann Wilhelm Mühler aus (Berlin-) Charlottenburg 1907 offiziell bei den brandenburgischen Behörden einen Parzellierungsplan vor. Dieser stellte die formale Grundlage dar, auf der Wilhelmshorst(-Nord) im ersten Jahrzehnt, im Wesentlichen aber bis heute hin besiedelt worden ist. Deshalb galt für die Gründergeneration 1907 zu Recht als „Geburtsjahr“ dieser Kolonie.

Entdeckt wurde das Gebiet am Fuße der„Schönen Berge“ nördlich von Neu-Langerwisch bereits 1903 von dem Baumeister Gustav Winkler aus (Berlin-)Schöneberg. Er ließ sich hier während der Sommermonate mit seiner Familie in einer mobilen Unterkunft nieder, in dem legendären Eisenbahnwaggon. Dieser stand in den „Caputher Obstgärten“, denn Caputhern gehörte das Land rund um den heutigen Grünen Weg. Winkler kann daher als Entdecker und erster Bewohner von Wilhelmshorst gelten. Der kurz danach erscheinende Mühler hingegen war der Ortsgründer im Sinne eines Projektentwicklers, der die Besiedlung planmäßig in Gang setzte.

Ja, und dann gab es quasi noch eine zweite Ortsgründung. Sie erfolgte auf dem Areal südlich der früheren „Wetzlarer Bahn“, heute die RE 7-Verbindung Berlin–Dessau. Verantwortlich hierfür zeichnete die Wilhelmshorster Grundstücksgesellschaft GmbH. Sie legte 1911 einen Parzellierungsplan vor, der die Handschrift des renommierten Architekten Albert Gessner aus Berlin-Charlottenburg trug. Er entwarf zudem eine größere Zahl von Landhäusern rund um den Irissee, den Bahnhof und den Bahnhofsvorplatz, das heutige Birkenwäldchen.

Die Gründung und frühe Besiedlung von Wilhelmshorst erfolgte also in zwei verschiedenen Quartieren von zwei verschiedenen Personen bzw. Bau-Entwicklungsträgern. Deshalb spreche ich von einer doppelten Ortsgründung, die fast parallel zueinander als Prozess, als ein längerer Entwicklungsvorgang ablief.

Ohne Mühler freilich gäbe es kein Wilhelmshorst. Er war für die Entwicklung des größeren Areals zuständig. Sowohl Mühler als auch Gessner waren mutige Gründer, Pioniere und Unternehmer,vielleicht auch „Spekulanten“, die bis 1916 sicherlich gut Geld verdienten,deren Werk aber mit dem Ersten Weltkrieg und seiner anschließenden Inflation einen argen Rückschlag erlitt.

2. Ein „Berliner Kindl“

Wilhelmshorst ist ein „Berliner Kindl“. Denn es waren Berliner bzw. Bewohner aus Charlottenburg und Schöneberg,die den Ort im Brandenburgischen gründeten und in den folgenden Jahrzehnten besiedelten. In der Mehrzahl handelte es sich um Angehörige der oberen Mittelschichten, teilweise auch der Oberschichten. Eine urbane Funktionselite sowie Freischaffende zogen seit der Jahrhundertwende aus der unwirtlichen Großstadt hinaus ins Grüne, vielfach junge Familien mit Kindern. So entstanden eine Reihe von Landhaus-Kolonien und „Gartenstädten“ rund um Berlin, an der„suburbanen Peripherie“.  Je abwechslungsreicher die Naturlage und je besser die Verkehrsanbindung ins Stadtzentrum, desto attraktiver der Standort, desto größer das Entwicklungspotenzial dieser neuen Siedlungen. Das traf besonders für den Raum südwestlich Berlins zu. Ohne die 1879 in Betrieb genommene„Wetzlarer Bahn“ gäbe es kein Wilhelmshorst, jedenfalls nicht an diesem Standort.Ein weiterer Lagevorteil war die Nähe zu Potsdam, zur Sommerresidenz der Hohenzollern-Könige Preußens. Natur und Kultur waren hier eng verknüpft.Zwischen „Mark“ und Metropole, vor den Toren der Hauptstadt: Das kennzeichnet die suburbane Lage der Landhauskolonie Wilhelmshorst seit der Gründung – und im Grunde bis heute hin.

Kurz: Wilhelmshorst war und ist ein Ort der Zugezogenen, der Zugewanderten. Wilhelmshorst kann als ein Prototyp für die enge und gute Kooperation zwischen Brandenburgern und Berliner angesehen werden. Heute fühlen sich viele Wilhelmshorster als Berlin-Brandenburger oder Brandenburg-Berliner. Auf diese spezifische Spezies komme ich noch genauer zusprechen.

3. Berufe und Sozialstrukturen

Die enge, vor allem beruflich bedingte Beziehung vieler Wilhelmshorster zu Berlin prägte den „suburbanen“ Charakter der Kolonie, erklärt ihre Sozialstruktur, die Mentalität der Bewohner und ihr Verhalten bis hin zum Wählerverhalten.

Die meisten Wilhelmshorster waren überdurchschnittlich qualifiziert, viele mit akademischer Ausbildung. Daherleitet sich der höhere Anteil derer ab, die in der Regierungsverwaltung, in Oberbehörden und in Bildungsinstituten der Hauptstadt tätig waren.

Ein anderer großer Teil war freischaffend tätig, sei es als Architekt, Anwalt, Arzt oder Künstler. Auch sie waren in erster Linie beruflich und mental auf die Großstadt Berlin orientiert.

Ein dritter großer Teil der Wilhelmshorster war selbstständig tätig als Dienstleister für die alltägliche Versorgung der Bewohner: als Handwerker, als Kaufleute, Gastwirt, Gärtner u.a.

Wilhelmshorst war in erster Linie eine Siedlung von Angestellten, Selbstständigen und einigen Künstlern. Der Anteil von Akademikern war ‑ und ist immer noch ‑ relativ hoch. Hier wohnten nur wenige Arbeiter. Bauern, Landarbeiter und auf die Landwirtschaft bezogene Berufe sucht man vergeblich. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

4. Urbane Mentalitäten

Die geplante Neugründung in relativer Nähe zum Zentrum der Hauptstadt in Verbindung mit einer spezifischen Berufs-und Sozialstruktur erklärt, warum Wilhelmshorst immer etwas Anderes war als die über Jahrhunderte langsam gewachsenen Dörfer der Umgebung. Wilhelmshorst war und ist eben kein Dorf, sondern eine Vorortsiedlung in städtischer Randlage,eine „Suburbia“ – weder Stadt noch Land.

Die Andersartigkeit der aus der Hauptstadt Zugezogenen blieb den Bewohnern der umliegenden Dörfer lange fremd.Deren bäuerlich-ländlichen Traditionen und Lebensauffassungen rieben sich mit den urbanen Verhaltensweisen der Großstädter: ein Zusammenprall verschiedener Kulturen und Lebensweisen.

Schon dass jemand wie Gustav Winkler zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen ausrangierten Eisenbahnwaggon mit großem Aufwand zum Wohnen hierher transportieren ließ, muss den Dorfbewohnern geradezu als „verrückt“ erschienen sein. Und wie konnte man sich für viel Geld Land zum Siedeln kaufen, wo sich „Fuchs und Igel gute Nacht sagen“ ‑und wo auf kargem Sandboden nichts anderes wuchs als ein paar Kiefern, Wacholder und Krüppelbuschwerk. Die Langerwischer Bauern sprachen bekanntlich von der „Gräuelheide“. Gerne verkauften sie das Land zu ihrem Vorteil an die „verspinnerten“Lebensreformer und Lebenskünstler aus der Großstadt – dafür nahmen sie dann die„Fremdlinge“ vor ihrer Haustür in Kauf. Was wir heute als „urbane Mentalitäten“bezeichnen, war für die Dorfbewohner damals eine Verklärung des harten Landlebens.Tatsächlich erhielten Begriffe wie „Natur“ und „Heimat“ um 1900 eine neue Bedeutung, teilweise im völkischen Sinne, so dass 30 Jahre später die Nationalsozialisten diese Begriffe leicht umdeuten konnten.

Kurz gesagt: Die Wilhelmshorster waren immer etwas Anderes,vielleicht auch etwas Besonderes im Vergleich zu den Bewohnern der umliegenden Dörfer ‑ aber sie waren nie etwas Besseres.Verallgemeinert: Wir Menschen sind nicht gleich, aber wir sind in unserer Unterschiedlichkeit alle gleichwertig.

Doch auch innerhalb der Wilhelmshorster Gemeinschaft gab es von Anfang an soziale Spannungen und Animositäten. Der Einsiedler Winkler fühlte sich vermutlich von den Plänen Mühlers gestört. Auch politisch lagen Welten zwischen den beiden: Der eine Sozialdemokrat, der andere ein Kaisertreuer,später Deutschnationaler, der mit der Weimarer Republik haderte. Auch die Kluft zwischen dem traditionellen Kaufmann Mühler und dem künstlerisch ambitionierten Architekten Albert Gessner war tief,der sich um 1930 den Nationalsozialisten anschloss. Die sozialen Unterschiede und mentalen Gegensätze nahmen gerade in den wirtschaftlich schwierigen 1920er Jahren deutlich zu, zumal Anhänger des untergegangenen Kaiserreichs und politisch Enttäuschte seit 1919 hierher zogen.

Eine einheitliche Gemeinschaft in Wilhelmshorst war immer Wunschdenken, bei den Nationalsozialisten wie später beiden Kommunisten. Eine überwiegend urbane Prägung bedeutet nicht, dass die Bewohner des Ortes gleiche Interessen verfolgen. Doch was die Wilhelmshorster im Kern ausmacht und was sie zusammenhält, bleibt gerade auch heute unter den Bedingungen von Freiheit, Rechtsstaat, Parlamentarismus und Globalisierung eine immer wieder neu zu diskutierende Aufgabe. Eine Gretchenfrage ist dabei, wie wir mit Unterschieden, mit Minderheiten und Fremden umgehen. Was können wir davon aushalten, was wollen wir uns zumuten? Die Antworten auf diese Fragen haben sehr viel mit unserer eigenen Identität, mit unserem historisch geprägten Selbstverständnis zu tun (vgl. dazu auch These 11).

5. Wechsel der Bevölkerungsgruppen

Die enge Berlin-Beziehung der Wilhelmshorster hatte eine zweite, eine Kehrseite. Da viele Bürger zu den Trägern des jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Systems gehörten,spiegelt der Ort im Kleinen die wechselhafte Geschichte der deutschen Hauptstadt im 20. Jahrhundert. Die politischen und wirtschaftlichen Brüche und Neuanfänge von 1918/19, 1933 und 1945/49 wie von 1989/90 hatten zur Folge, dass die Wilhelmshorster Bevölkerung sich stark änderte. Dies zeigte sich weniger in absoluten Zahlen als vielmehr von der Zusammensetzung, der Struktur her. Dabei verursachten die Ereignisse von 1945 und 1989/90 die tiefsten Einschnitte.Dieser Wechsel der Bevölkerung umfasste auch den Austausch der jeweiligen politischen Funktionsträger, in der NS-Zeit genauso wie in der DDR-Zeit und erneut seit 1990. Das macht die hiesige Ortsgeschichte ebenso spannend wie erkenntnisreich. Das verstärkt wiederum die Andersartigkeit der Wilhelmshorster im Vergleich zu den Bewohnern der umliegenden Dörfer (siehe These 4).

Zwei Beispiele dazu:

  • Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 zogen eine Reihe von entlassenen Offizieren und Beamten nach Wilhelmshorst. Andere wollten den bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Berlin entgehen. Diese Schockerfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit verstärkenden konservativ-nationalistischen Trend in Wilhelmshorst. Hinzu kamen einige „Inflationsgewinnler“,die Grundstücke von verschuldeten Wilhelmshorstern kauften.
  • Nach 1945 wurde ein Teil der NS-Funktionsträger verhaftet, ja ermordet; ein anderer Teil verließ den Ort aus Angst vor der Besatzungsmacht der Sowjets. Ein noch größerer Teil flüchtete bis 1961 in den „Westen“. Leer stehende Häuser wurden zunächst an Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten, danach gerne an Funktionsträger des SED-Regimes vergeben. Aber auch Arbeiter wurden gezielt angeworben, um den Ort ideologisch zu „proletarisieren“.

6. Auswirkungen der Deutschen Teilung

So hinterließen die Nachkriegszeitmit Kaltem Krieg und Teilung Berlins, insbesondere die Einmauerung West-Berlins seit 1961 in Wilhelmshorst deutliche Spuren. Es waren überwiegend die besser Ausgebildeten,die den Ort in Richtung „Westen“ verließen. Auch die normalen Stadt-Umland-Beziehungen wurden zunächst unterhöhlt, dann unterbrochen – siehe Straßen und Eisenbahnlinien. Die Häuser blieben in dem Zustand, wie sie seit Kriegsende waren; die Mangelwirtschaft tat ein Übriges. Die Wilhelmshorster Bevölkerungszahl stagnierte über viele Jahre und entwickelte sich dann rückläufig bis 1989/90.

Politische Gängelung, der Verlust an Freiheit, Kommunikation und Lebensstandard konnte durch Nichts kompensiert werden, schon gar nicht durch irgendeine Ideologie. Und da das Zentrum Ost-Berlin weiter entfernt lag, nahm der groß- und hauptstädtische Einfluss ab und der des mittelstädtischen Potsdams relativ zu. Gerade die drei Jahrzehnte seit 1961 wurden als bleierne Stagnation und Desillusionierung empfunden und führten in vielen Fällen zur inneren Emigration, zum Rückzug in Alltagsnischen oder zum„Sich-Arrangieren“ mit dem SED-System. Typisches Kennzeichen für diese Einstellung in Wilhelmshorst war, dass die CDU seit 1946 den Bürgermeister stellte und die SED den Stellvertreter. Das erlaubte gewisse Spielräume, und setzte doch Grenzen. Denn die Macht der SED durfte grundsätzlich nicht in Frage gestellt werden.

7. Wiederkehr der Geschichte

Die Wiederkehr der Geschichte erfolgte mit dem politischen Umbruch von 1989/90. Die regulären Stadt-Umland-Beziehungen haben sich in Wilhelmshorst seitdem neu eingependelt.Wiederum erfolgte ein großer Austausch der Bevölkerung, nicht sofort, aber allmählich innerhalb von 10 bis 15 Jahren. Die Zahl der Grundstücks-Rückübertragungen ist vergleichsweise hoch gewesen. Berliner und Bewohner aus anderen Städten sind seitdem wieder zugezogen. Das Verhältnis zwischen den seit 1990 Zugezogenen und den Einwohnern aus DDR-Zeiten vor 1990 ist inzwischen ausgeglichen: eine gelungene Ost-West-Beziehung (gutes Beispiel: unser Geschichtsverein).

Der Ort expandiert mit all den bekannten Konsequenzen. Lebten Ende 1990 hier etwa 1800 Einwohner, stieg deren Zahl bis 2018 auf runde 3200, hat sich also fast verdoppelt. Ausgehend vom historisch gewachsenen Siedlungsareal, erreicht Wilhelmshorst demnächst seine Wachstums-Obergrenze.

Es sind vor allem wieder junge Familien, zum Teil auch frisch Pensionierte und meist gut Ausgebildete, die sich vor den Toren der Hauptstadt in naturnaher Umgebung niederlassen. Der Siedlungsdruck aus der Hauptstadt bzw. von Zuziehenden ist weiterhin spürbar.Doch das Wilhelmshorster Siedlungspotenzial ist inzwischen weitgehend ausgeschöpft – es gibt nur noch wenige Grundstücke zur Lückenbebauung im Innenbereich. Um sogenannte „Abrundungen“ im Außenbereich wird heftig gestritten, wie kaum anders zu erwarten ist. Wohin kann, wohin soll sich Wilhelmshorst entwickeln? Welche Größe ist erwünscht und gemeinverträglich? Und wenn das Siedlungsgebiet mittelfristig weiterhin wachsen soll, wie kann diese Entwicklung sinnvoll gesteuert werden? Hierüber müssen wir Bürger uns jetzt Gedanken machen!

8. Architektur und Ortsbild

Wilhelmshorst wurde als Vorort- und Landhauskolonie gegründet. Die Zahl der Villen blieb auf Einzelfälle begrenzt. Es dominierte das Einfamilienhaus bis zu zwei Stockwerken. Daneben gab es eine größere Zahl von einfachen Sommer- und Gartenhäusern, die saisonal vom Frühsommer bis zum Herbst genutzt wurden, manchmal auch nur am Wochenende. Eine ganze Reihe von Grundstücken blieb unbebaut. Da es keinen qualifizierten Bebauungsplan (Gestaltungssatzung)gab und gibt, sind in Wilhelmshorst unterschiedliche, manchmal gegensätzliche Baustile vorhanden – so kam um 1930 das Wort vom „Schlachtfeld der Architekten“auf. Architekturhistorische Bedeutung haben einige wenige Objekte des „Neuen Bauens“ aus der Zeit der Weimarer Republik, als aus der Not heraus auch mit neuen Baustoffen experimentiert wurde (Beispiel „Kupferhaus“ im Rosenweg). Vorherrschend sind in Wilhelmshorst indes Varianten der um 1900 aufgekommenen Heimatschutz-Architektur, die bis in die 1930er Jahre reichte. Deren Flair ist heute wieder zu spüren, nachdem diese Häuser meist vorsichtig saniert worden sind. Typische industriell gefertigte DDR-Bauten sind selten; von einer sozialistischen Baukultur kann hier nicht die Rede sein. Seit 1990 prägen wiederum unterschiedlich „moderne“ Bauten das Gesicht des Ortes, die die heterogene Vielfalt des Ortsbildes verstärken.

Auf den Punkt gebracht: Das bauliche Ortsbild von Wilhelmshorst ist geprägt von einer gewachsenen Heterogenität und heute ziemlich divers. Da stellt sich die Frage nach einem städtebaulichen Leitbild.Wir Bürger und unsere kommunalen Ortsentwicklungsplaner sollten sich herausgefordert fühlen!

9. Werden und Wandel einer Waldsiedlung

Wilhelmshorst war anfangs keine Waldsiedlung bzw. dies nur zum kleineren Teil. Am Fuße der „Schönen Berge“ gab es große Areale, die wegen des Sandbodens einer typischen Heidelandschaft glichen: mit Heidekraut, Wacholder, Büschen und einzelnen Kiefern. Zur Waldsiedlung ist Wilhelmshorst erst geworden, nicht zuletzt durch die Renaturierung von unbebauten und nach 1945 „verlassenen“ Grundstücken. Deshalb dürfte der„Wald“-Anteil auf dem Siedlungsgebiet in den 1980er Jahren am höchsten gewesen sein, als die Bevölkerungszahl stagnierte und Holz nicht notwendig als Heizmaterial wie in den Nachkriegsjahren und den Jahrzehnten zuvor benötigt wurde.

Die Zunahme der Bevölkerung und die verdichtete Bebauung seit 1990 führen zwangsläufig zu einer Verminderung des Baumbestandes, ohne dass der Ort deswegen seinen Flair als Waldsiedlung verlieren muss. Dieser grundsätzliche Zielkonflikt erfordert ein vernünftiges Austarieren der Interessen, was nur mit Beteiligung von uns Bürgern erfolgen kann. Totalabholzungen ganzer Grundstücke, wie sie vorgekommen sind – zum Glück nur in Einzelfällen –, widersprechen jedenfalls dem Leitbild einer Waldsiedlung.Gleichwohl: Wilhelmshorst heute von oben betrachtet, ist immer noch eine grüne Oase.

Die Grundstücke wiesen ursprünglich eine durchschnittliche Größe von rund 2500 qm (1 ar) auf; manche hatten die doppelte Größe, nur wenige reichten an 10.000 qm (1 ha) heran. Nach 1990 sind viele Grundstücke geteilt worden, nicht zuletzt aufgrund steigender Grundstückspreise im Umland von Berlin und Potsdam. Flächen von 800 bis 1300 qm gelten seitdem als akzeptable Größe, um das besondere Profil einer Waldsiedlung nicht zu gefährden. Die bauliche Verdichtung hat seitdem freilich zugenommen und an einigen Quartieren ein kritisches Maß erreicht, wenn nicht gar überschritten (Beispiel Steinstraße).

Wilhelmshorst hat kein ausgeprägtes Siedlungszentrum. Die Kirche konnte diese Funktion wie in den alten Dörfern nicht erfüllen, zumal sie erst 30 Jahre nach der Ortsgründung gebaut wurde und auch nur als kleiner, unauffälliger Bau in Form einer „Notkirche“. Gewisse Funktionen der alltäglichen Versorgung konzentrieren sich an der heutigen Huchel-Chaussee,vor allem zwischen Bahnübergang und Goetheplatz. Dieser Bereich mit einer gewissen Mittelpunktfunktion ist städtebaulich sensibel; das Ortsbild ist hier aufzuwerten. Insbesondere unbebaute Filet-Grundstücke im kommunalen Eigentum(z.B. Peter-Huchel-Chaussee/An der Aue) sollten in einer übergeordneten und gemeinwohl-orientierten Perspektive mit ambitionierten Bauformen entwickelt werden.

Und dann gibt es noch einen besonders wunden Punkt in städtebaulicher Hinsicht. Das ist der öffentliche Raum in Form unserer Plätze. In der Gründerzeit, in den ersten 30 bis 40 Jahren von Wilhelmshorst,waren sie ein Hingucker, ein Schmuckstück des Ortes. Als solche waren sie auch Orte der sozialen Kommunikation. Heute sind sie als Plätze teilweise kaum noch zu erkennen, an anderen herrscht Wildwuchs ‑ oder sie werden gar zur Ablagerung von Gartenabfällen missbraucht. Die Aufenthaltsqualität der öffentlichen Plätze ist heute jedenfalls gering.

Ähnlich sieht es mit den innerörtlichen Seen aus. Sie hatten einmal eine städtebauliche Bedeutung. Heute werden sie gerne unter dem „modernen“ Stichwort „Biotop“ sich selbst überlassen.Vielleicht, um ein bequemes Nichtstun der Kommune zu kaschieren?

Kurz: Der öffentliche Raum in Wilhelmshorst ist aufzuwerten, durchaus in Anknüpfung an historische Muster bzw. Vorbilder. Räume und Plätze der sozialen Kommunikation sind gerade auch im Zeitalter der Digitalisierung notwendig, damit eine urbane Vorortsiedlung nicht zur reinen „Schlafsiedlung“ verkommt. Wo bleibt der Mut, etwa mit dem Mittel einer Gestaltungssatzung städtebauliche Akzente zu setzen?

10. Kulturgeschichtliche Verluste und Gewinne

Die engen Beziehungen der Wilhelmshorster mit der Berliner Hauptstadtgeschichte und ihren Brüchen des 20.Jahrhunderts, die vor allem nach 1945 und nach 1990 zu einem Austausch der Bevölkerung führten, hatten auch zur Folge, dass im Ort Überlieferungen und Traditionen verloren gegangen sind. Dies betrifft nicht nur individuelles Erfahrungswissen über die Ortsgeschichte, sondern auch den Verlust von Gemeindeakten. Die Unterlagen der Gemeinde Wilhelmshorst aus der Zeit vor 1990 sind lediglich torsohaft überliefert. Die Auskünfte über den Verbleib sind ebenso lückenhaft wie unbefriedigend.

Umso wichtiger ist es, weit verstreute Unterlagen und Gegenstände zur Orts- und Kulturgeschichte neu zusammeln und aufzubewahren. In diesem Verlust an Schriftgut liegt auch einer der Gründe, warum bestimmte, gerade „sensible“ Themen der Ortsgeschichte noch aufzuarbeiten bleiben. Nach Jahren des Sammelns und Zusammentragens hat unser Verein (Freunde und Förderer der Wilhelmshorster Ortsgeschichte) das Material in unserem Archiv konzentriert. Nicht nur „Flachware“ wie Fotos und Dokumente,sondern auch Sachgegenstände, so dass leicht ein Museum zur Orts- und Regionalgeschichte errichtet werden könnte. Ein kulturgeschichtlicher Gewinn, ja ein Pfund, mit dem Wilhelmshorst und die Gemeinde „wuchern“ könnten. Könnten, wohlgemerkt,denn es fehlt bislang ein dauerhafter wie repräsentativer Ort zur öffentlichen Präsentation. Hier steckt ungenutztes Potenzial für die Zukunft drin! Wo sind kulturaffine Visionäre und Mäzene? Was könnte die Kommune tun? Hier kann auch der Begriff „Heimat“ – seit geraumer Zeit viel und meist inhaltsleer-nebulös benutzt– ganz konkret erfahren werden.

Kulturgeschichtliche Verluste betreffen auch den Abriss alter Häuser vor allem seit 1990. Zwar handelt es sich bislang um wenige Einzelfälle ‑ etwa das plötzliche Verschwinden des Mühler-Kapuste Hauses 1995 am Michendorfer Platz bzw. heutigen Wilhelm-Mühler-Platz. Oder das Haus von Edlef Köppen am Friedensplatz,weitgehend in originaler Bausubstanz von 1933, wartet geduldig auf bessere Zeiten.

Gelegentlich sind wir Bürger auch vor fragwürdigen Entscheidungen der Kommunalpolitiker nicht sicher. So konnte der Abriss der gemeindeeigenen „Alten Schulküche“ am Heidereuterweg in letzter Minute verhindert werden durch eine Unterschutzstellung als Denkmal. Inzwischen ist das Haus aus der Gründerzeit privatisiert und denkmalgerecht saniert worden: Ein neuer, alter Schatz des Wilhelmshorster Ortsbildes.

Ein anderes aktuelles Beispiel ist der jetzige Neubau der Dr.-Albert-Schweitzer-Straße. Dass das kleinteilige Straßenpflaster aus der Gründungszeit zwischen Huchel-Chaussee und Rosenweg aufgegeben wird, halte ich für einen kulturgeschichtlichen Verlust.

Noch einmal zu den Denkmalen: Es gibt auch Mitbürger – zum Glück nur wenige –, die gegen den Denkmalstatus gerichtlich klagen. Einigen Anderen freilich ist der Denkmalschutz eher gleichgültig. Deshalb ist es ein kulturgeschichtliches Plus, dass die Gemeinde sich im Frühjahr 2016 zur Kennzeichnung von Denkmälern mit Infoschildern entschieden hat. Die Realisierung dieses Vorhabens hat etwas gehakt, scheint aber jetzt auf der Zielgeraden zu sein.

Und dass wir seit heute einen Wilhelm-Mühler-Platz haben, waren wir unserem Ortsgründer seit langem schuldig. Wir wissen es zuschätzen, dass Ortsvorsteher Gerd Sommerlatte diese Anregung so beherzt aufgegriffen hat. Denn uns allen sollte schon klar sein: Ohne Mühler gäbe es kein Wilhelmshorst; ohne ihn wären wir alle gar nicht hier.

11. Die Gegenwart der Vergangenheit – oder: der Blick nach vorn

Die doch weithin zu beobachtende Tendenz, die eigene(n) Vergangenheit(en) „in den Müll zu werfen“ – was hier durchaus wörtlich zu nehmen ist – und bewusst oder unbewusst „vergessen“ zu wollen, mag vielleicht in einigen Fällen verständlich erscheinen, ist letztendlich aber kontraproduktiv. Denn Geschichte wirkt in solchen Fällen oft bedrückend weiter.Erst wenn vergangenes Geschehen wirklich aufgearbeitet und erinnert wird, ist es auch vergangen. Spätestens unsere Kinder und Enkel, die irgendwann wissen wollen, wo ihre Eltern und Großeltern herkommen und was sie „damals“ gemacht haben, werden der potenziellen Erinnerungslosigkeit auf die Spur kommen und uns den Spiegel vorhalten. Deshalb tun wir gut daran, unsere Vergangenheit so anzunehmen, wie sie nun einmal war. Lassen wir uns auf die Gegensätze,die Widersprüche und auf die Vielfalt der Vergangenheiten ein, die jeder auf seine Weise erlebt hat oder glaubt zu erinnern.

Es ist nicht einfach, das Verhalten unserer Großeltern und Eltern oder unser eigenes Handeln zu verstehen unter den Bedingungen von Kaiserreich, Weimarer Demokratie, brauner und roter Diktatur, unter Weltkriegen und Zusammenbrüchen und dann mit dem bundesrepublikanischen Parlamentarismus und Rechtsstaatssystem. Aber es ist auf jeden Fall eine spannende Geschichte, aus der wir viel lernen können. Gerade auch am Beispiel von Wilhelmshorst. Die Geschichte des letzten Jahrhunderts mag uns teilweise bedrückend erscheinen; aber sie kann uns befreien und ermutigen, um uns für Besseres heute zu engagieren und für die Zukunft zu gestalten.

Dabei dürfen wir nicht vergessen: Geschichte ist immer beides – Glück und Unglück, Last und Befreiung. Selten ist sie ein einfaches Schwarz oder Weiß, sondern meist ein verschwimmendes Grau. Da ist es nicht leicht, in diesem grauen Nebel oder dem Nebel des Grauens den Durchblick zu behalten und auf Kurs zu bleiben.

„The times, they are a’changing“, sang vor einem halben Jahrhundert Bob Dylan. Ja, die Zeiten ändern sich ‑und wir uns mit ihnen! Bewahren wir uns bei allen Veränderungen und globalen Unübersichtlichkeiten einen kühlen Kopf. Möglicherweise ist der Wandel tatsächlich die einzige Konstante in unserer Geschichte.

Aber auch wenn die angeblich „guten“ alten Zeiten passé sind, können wir einer Tatsache nicht entgehen: Wir sind, was wir geworden sind. Die Vergangenheit steckt in uns – wir müssen sie aber sichtbar machen.

Und unsere Vergangenheit wird auch die Zukunft hier in Wilhelmshorst mitbestimmen!

Wie immer der umstrittene Weg ins Morgen aussehen mag: Es geht nicht ohne das Erbe unserer Vergangenheit. Und wir wären mit Blindheit geschlagen, wenn wir das Potenzial unserer kulturgeschichtlichen Schätze nicht sehen und nutzen würden.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Hinweis: Diese schriftliche Fassung ist leicht erweitert gegenüber des kürzer gehaltenen Vortrags.

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