Zwangsweise in Michendorf. Neue Erkenntnisse über Fremdarbeiter in der Region

Es ist bislang wenig Genaues über Fremdarbeiter bekannt, die während des Zweiten Weltkrieges in der Region Michendorf tätig waren. Entweder wird das Thema eher am Rande gestreift oder tabuisiert. Einige Zeitzeugen wollen in ihren Erinnerungen uns glauben lassen, Fremdarbeiter seien hier gastfreundlich aufgenommen worden. Das Thema changiert zwischen Verdrängung und Legendenbildung. Es ist noch in anderer Hinsicht prekär. Geht es doch auch um die Frage einer Wiedergutmachung und Versöhnung. Der notwendige erste Schritt hierfür ist das historische Aufarbeiten des Geschehens.

Akten der kommunalen Pass- und Meldepolizei aus dem ehemaligen Amtsbezirk Saarmund erlauben Einblicke auch für die Region Michendorf. Der Verfasser konnte Hunderte von Meldeformularen über zivile Fremdarbeiter aus den von deutschen Truppen besetzten Gebieten Europas einsehen. Die Unterlagen beziehen sich vor allem auf die Orte Michendorf, Wildenbruch, Langerwisch, Wilhelmshorst und Saarmund. Bei den Fremdarbeitern handelte sich um zivile ausländische Arbeitskräfte innerhalb des Deutschen Reiches. Nur ein kleiner Teil von ihnen war freiwillig hier und nur wenige kollaborierten mit den Nazis. Überliefert sind beispielsweise die Fälle eines Holländers und eines Russen, die mit der NSDAP und SS zusammen arbeiteten. Doch die übergroße Zahl war zwangsverpflichtet – insofern ist in den meisten Fällen treffender von zivilen Zwangsarbeitern zu sprechen.

Ihre Aufgabe bestand darin, als Ersatz für die zum Kriegsdienst einberufenen Männer die deutsche Wirtschaft aufrecht zu halten. Zwangsarbeiter wurden nicht nur bei großen Firmen etwa der Rüstungsindustrie eingesetzt, sondern genauso in der Landwirtschaft, bei Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben sowie in Privathaushalten. Wie sie sich zu verhalten hatten und wie sie von Deutschen zu behandeln waren, regelten mehrere Verordnungen. Sie erhielten für ihre Arbeit einen Lohn, der aber in keinem Verhältnis zu ihrer Leistung stand. Den Ort oder die Gemeinde ihres Arbeitseinsatzes durften sie ohne Genehmigung nicht verlassen. Namentlich die zahlenmäßig überwiegenden „Ostarbeiter“ mussten in der Öffentlichkeit äußerlich sichtbare Kennzeichen tragen, weil sie beispielsweise zu öffentlichen Einrichtungen keinen Zutritt hatten.

Nach den überlieferten Meldeunterlagen kamen viele Zwangsarbeiter bei mittelgroßen Firmen der Region zum Einsatz. Insgesamt weit über 100 waren bei dem Michendorfer Hoch- und Tiefbauunternehmen von Gustav Dübener in den Kriegsjahren beschäftigt, ähnlich viele bei der „Bauhilfe“ der Deutschen Arbeitsfront, die ihr Wohnlager an der Teltower Straße in der Nähe vom Herthasee hatte. Das Reichswirtschaftsministerium führte ein Ostarbeiter-Lager im Wald an der Caputher Straße von Willichslust, das im Herbst 1944 östlich in Richtung Wilhelmshorst verlegt wurde. Das Forstamt Kunersdorf unterhielt Holzbaracken für Zwangsarbeiter bei Michendorf-West am Weg nach Flottstelle sowie in Flottstelle am Schwielowsee. Die Deutsche Reichsbahn, Güterabfertigung Seddin, brachte weit über 100 Zwangsarbeiter im „Haus der Deutschen Arbeit“ mitten in Michendorf unter – heute besser als „Volkshaus“ bekannt, wo demnächst ein privates Theater Premiere feiern wird. Das „Ostministerium“ unter Alfred Rosenberg betrieb eine Arbeitsstelle mit Lagern in den „Patzer Bergen“ bei der Siedlung Six unweit des Seddiner Bahnhofs. Ähnlich errichteten andere Ministerien, Oberbehörden und Unternehmen wegen der zunehmenden Luftangriffe auf Berlin Baracken und Behelfsheime in der Region. So stellte die Reichsbahn Anfang 1944 Büros und Materiallager unmittelbar nördlich vom Bahnhof Wilhelmshorst auf. Der Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt Albert Speer ließ massive Baracken im Spätsommer 1943 am Brunnenplatz bauen, die dort noch bis vor wenigen Jahren standen. Ferner gab es in Saarmund Zwangsarbeiterlager der Firma Pfau & Bielke und des Tiefbauunternehmers Max Kuhmann.

Zu einigen dieser Unternehmen, Selbstständigen und privaten Haushalten lassen sich die Namen der Zwangsarbeiter zuordnen. Exemplarisch ist eine Liste von über 80 Personen allein für Wilhelmshorst, die im Internet einsehbar ist (www.wilhelmshorst-online.de). Von den Wilhelmshorster Zwangsarbeitern waren rund zwei Drittel Frauen. Die Jüngste, ein Mädchen aus Ungarn, war gerade 15 Jahre alt, ein Pole 16 Jahre. Der Älteste, ein Tscheche, zählte 48 Jahre. Mit 40 Prozent dominierte die Altersklasse der 20-24 Jährigen; die der 20-29 Jährigen machte sogar 55 Prozent aus. Diese Personen sind demnach heute zwischen 80 und 90 Jahre alt. 78 Prozent waren „Ostarbeiter“: Sie stammten vor allem aus Polen, der Sowjetunion und der Ukraine. Die anderen verteilten sich auf Frankreich, Kroatien, Belgien, Holland, die Slowakei, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Litauen und Estland. Die Zwangsarbeiter waren hier ganz überwiegend in privaten Haushalten tätig und im Alltagsleben der Deutschen allgegenwärtig. Daher ist die Annahme eines zentralen Wohnlagers in Wilhelmshorst unwahrscheinlich.

Die Deutschen behandelten Zwangsarbeiter, die als Hausgehilfen meist in ihren Häusern wohnten, recht unterschiedlich. Einige wurden von der Ortspolizei oder argwöhnischen Nazi-Nachbarn ermahnt, die Zwangsarbeiter als Feinde zu betrachten und enge, persönliche Kontakte zu unterlassen. In den Akten wird ein Fall erwähnt, dass ein hiesiger Bauarbeiter ein Verhältnis zu einer Russin hatte, mit ihr ein Kind zeugte und zu seiner Vaterschaft auch stand gegen öffentliche Anfeindungen. Andere Deutsche wiederum mussten sich belehren lassen, ihre Zwangsarbeiter besser zu behandeln, um deren Leistungskraft für die Wirtschaft zu erhalten ‑ in einem Fall wurde deswegen sogar die Gestapo aus Potsdam vorstellig. Das Verhaltensspektrum war also ziemlich breit.

Von Rainer Paetau –

Aus: Märkische Allgemeine Zeitung vom 16. Juni 2010.

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