Wilhelmshorster Ortsjubiläen: Relativ beliebig? Was 2007 eigentlich gefeiert werden soll

Was 2007 eigentlich gefeiert werden soll
In diesem Einstein-Jahr 2005 ist der Begriff „relativ“ landauf, landab überall zu hören, in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen. Sollte diese modische Tendenz anhalten, könnte der Begriff der Relativität sogar noch zum Wort des Jahres gekürt werden. Wilhelmshorster würden hierfür dann einen Beitrag geleistet haben. Denn die relative Nähe zu Einsteins Sommerhaus in Caputh scheint hier zu relativen Irritationen geführt zu haben – etwa über die Frage, welches Jubiläum denn 2007 eigentlich gefeiert werden soll? Dies ist jedenfalls eine Erfahrung von mehreren, die aus der Ende Februar geschlossenen ersten Ausstellung der Arbeitsgemeinschaft Ortsgeschichte zu den „Historischen Ortsjubiläen“ gewonnen werden kann.
In der Tat kursieren „kritische Fragen“ zum Problem der historischen Jubiläen: Wann wurde Wilhelmshorst eigentlich „gegründet“? Was soll denn 1907 konkret geschehen sein? Seit wann gibt es eigentlich den Ortsnamen „Wilhelmshorst“? Müsste nicht, wie vornehmlich Juristen argumentieren, die Rechtsverleihung als eigenständige Gemeinde als das eigentliche Geburtsdatum von Wilhelmshorst angesehen und entsprechend gewürdigt werden? Und wann war das? Fragen zur Ortshistorie tun sich da auf einmal auf, die auf den ersten Blick relativ verunsichern können. Damit nicht genug: Gerade viele Neubürger, die auf ihrem alltäglichen Weg zur Arbeit in Berlin in Richtung Bahnhof gehen, kommen an einem schön erhaltenen kleinen Haus mit halbrundem Vorbau vorbei (An der Bahn 20). Dort prangt gut sichtbar die Jahreszahl „1905“. Messerscharf wird auf das Baujahr dieses Hauses geschlossen. Muss also – so fragen diese Neubürger neugierig – nicht schon in diesem Jahr 2005 der 100. Geburtstag von Wilhelmshorst gefeiert werden? Andere versuchen diesen Einwurf zu übertrumpfen mit dem Hinweis, es sei wohl bereits vor 1905 auf dem hiesigen Gelände „gesiedelt“ worden. Das lässt dann die hämische Sorge aufkommen, ob wir Wilhelmshorster unseren Hundersten etwa bereits verpasst, quasi ahnungslos verschlafen haben? Um auf dieses Bündel von Fragen in aller Kürze eingehen zu können, lassen wir die „harten“ historischen Fakten sprechen, soweit sie bis heute bekannt und aus zuverlässigen Quellen belegbar sind.

1. Der Siedlungs-Ort und die politische Gemeinde sind bekanntlich keine identischen Einheiten. Im Unterschied zum Ort lässt sich die Gründung von Wilhelmshorst als eigenständige, souveräne Gemeinde durch Abtrennung von der Gemeinde Neu-Langerwisch eindeutig datieren. Sie erfolgte mit der Genehmigungs-Urkunde der Staatsregierung Preußens zum 1. April 1925. Das war vor genau 80 Jahren! Grund genug, in diesen Tagen daran zu erinnern. Denn dieses Ereignis ist öffentlich so gut wie in Vergessenheit geraten. Dabei hätte es durchaus zum Anlass für historische Gedenk- oder Jubiläumsfeiern genommen werden können, was aber nicht geschehen ist. Nur zum 10-Jährigen 1935 wurde eine Feier veranstaltet. Die noch bis vor kurzem aufgewühlten Diskussionen um die kommunale Fusion zur neuen Gemeinde Michendorf stehen jedenfalls im auffallenden Kontrast zum öffentlichen Vergessen über die Gründung als souveräne Gemeinde Wilhelmshorst im Jahre 1925.
2. (Ge-)Denkwürdig ist auch die amtliche Namensverleihung „Wilhelmshorst“. Sie wurde vom Regierungspräsidenten in Potsdam unter Zustimmung des preußischen Innenministeriums im Mai 1911 rechtswirksam öffentlich bekannt gemacht. Den Ortsnamen gab es freilich schon vorher. Im Schriftverkehr der Verwaltungsbehörden beispielsweise wurde „Wilhelmshorst“ nachweislich im Jahre 1907 verwendet.
3. Einen auf ein Jahr oder gar den Tag genau zu datierenden Gründungsakt hat es für den Siedlungs-Ort Wilhelmshorst – im Unterschied zur Gemeinde Wilhelmshorst – nicht gegeben. Insofern sind entsprechende, immer wieder zu lesende Formulierungen relativ ungenau und irreführend, dass Wilhelmshorst 1907 „gegründet“ worden sei. Vielmehr handelt es sich im vorliegenden Falle um einen Gründungsprozess, der sich über mehrere Jahre erstreckte und seit 1910/11 auch das Areal des heutigen Wilhelmshorst-Süd umfasste. Wenn von der „Entdeckung“ dieses Gebietes am Fuß der Schönen-Berge durch den Architekten und Baumeister Gustav Winkler aus (Berlin-)Schöneberg und dessen legendären Transport eines Eisenbahnwaggons als saisonale Unterkunft hierher abgesehen wird, begann dieser Gründungsprozess 1905. Für dieses Jahr sind vor allem zwei Maßnahmen zu nennen. Einmal ein erfolglos gebliebener Siedlungsplan Gustav Winklers und sodann der Bau des – bereits erwähnten – ersten massiven Hauses unmittelbar an der Nordseite der Berlin-Wetzlarer Bahn durch den Kaufmann Wilhelm Mühler aus (Berlin)Charlottenburg. Dieses Haus „An der Bahn“, dessen heute noch ansprechende architektonische Formen weitgehend erhalten geblieben sind, kann also in diesem Jahr quasi seinen 100. Geburtstag begehen. Wir gratulieren den Besitzern des ältesten Wohnhauses von Wilhelmshorst, das den Beginn der dauerhaften Orts-Besiedelung markiert.
Die entscheidende Wende für den Ort erfolgte aber 1907, als der Gründungsprozess sich erfolgversprechend verdichtete. Die Ideen Gustav Winklers aufgreifend, blieb es Wilhelm Mühler vergönnt, in diesem Jahr einen „Parzellierungsplan der Kolonie Wilhelmshorst“ aufzustellen und die zuständigen Behörden in Belzig und Potsdam für eine Genehmigung seines Bebauungsplans für das heutige Wilhelmshorst-Nord zu überzeugen. Das Genehmigungsverfahren sollte sich zwar noch über Jahre hinziehen, aber die zuständigen Verwaltungsbeamten signalisierten bereits ihre grundsätzliche Zustimmung für die Mühler’schen Pläne einer „Villenkolonie“, wie es zeitgenössisch hieß. Für die Bedeutung des Jahres 1907 kommt außerdem hinzu, dass bereits die Baupläne für mindestens zwei weitere Massivhäuser vorlagen, die heute noch existieren.
1907 begann also der organisierte Siedlungsausbau auf der Grundlage eines genehmigungsfähigen und zukunftsträchtigen Parzellierungsplanes. Insofern konnte die erste und zweite Wilhelmshorster Gründergeneration dieses Jahr mit guten Gründen als Ausgangspunkt für die Zählung der Ortsjubiläen nehmen und 1932 das 25-jährige Bestehen von Wilhelmshorst als dauerhafte Siedlung feiern. Da es, wie gesagt, keinen taggenauen Gründungsakt für diesen Ort gab, legten die Wilhelmshorster des Jahres 1932 die Festwoche für den in der Regel wetterbegünstigten Frühsommer-Monat Juni fest, praktisch in Kombination mit den traditionellen Sonnenwendfeiern. Eine Konvention, an die sich die nachfolgenden Generationen weitgehend gehalten haben. Auch im 21. Jahrhundert ist das Rad nicht immer wieder neu zu erfinden, wenn die historischen Begebenheiten und Traditionen angemessen zur Kenntnis genommen werden. Insofern ist der Ortsbeirat von
Wilhelmshorst gut beraten gewesen, als er unlängst die Festwoche für die 100Jahrfeier 2007 ebenfalls für den Juni terminierte.
Um die modische Analogie zu Einstein wieder aufzunehmen: Auch wenn vieles im gesellschaftlich-kulturellen Daseinsbereich auf Konventionen beruht und insofern relativ ist, beliebig oder willkürlich ist es deswegen noch lange nicht.
Dr. R. Paetau
Dazu 2 Fotos: Haus An der Bahn 20, Gesamtansicht und Teilansicht mit Jahreszahl 1905

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