Verschwörer auf dem Schnürboden

Stefan Welzk erdachte eine der gewitztesten Protestaktionen zu DDR-Zeiten – in Wilhelmshorst weihte er Peter Huchel ein

An einem Tag im Juni 1968 gingen der Dichter Peter Huchel und ein Besucher, der Physik-Doktorand Stefan Welzk, mit einer langen Stoffrolle in den Wald hinter Huchels Wilhelmshorster Wohnhaus. Sie waren vorsichtig, denn mindestens ein Nachbar spitzelte für die Staatssicherheit, denn Huchel galt als Systemgegner. Zwischen den Fichten entrollten die beiden Männer ein gelbes Transparent. Der Dichter war begeistert. Er war gerade zum Mitwisser einer der gewitztesten Protestaktionen in der DDR-Geschichte geworden.

Was Huchel in seinem Garten gesehen hatte: Die auf Fahnentuch gemalte Fassade der Leipziger Universitäts- oder Paulinerkirche, dazu ein Grabkreuz und die Aufschrift: „1968. Wir fordern Wiederaufbau.“ Die gotische, im Krieg kaum zerstörte Kirche war am 30. Mai 1968 auf Geheiß der SED gesprengt worden. Wut und Entsetzen über den Kultur-Frevel lähmten die sächsische Metropole.

Huchels Besucher reiste noch am selben Tag, des Wohlwollens seines Idols sicher, nach Leipzig weiter.

20. Juni 1968: Der Festredner in der Leipziger Kongresshalle hatte gerade das Abschlusskonzert zum III. internationalen Bach-Wettbewerb eröffnet, als sich um Punkt 20.10 Uhr auf dem Schnürboden über der Orchesterbühne ein Wecker in Gang setzte. Der Federmechanismus ließ die Stellräder rotieren, diese zogen an einem Faden, der wiederum einen Nagel bewegte. Sekunden später entrollte sich wie von Geisterhand vor den versammelten Würdenträgern, Staatsrepräsentanten und Vertretern der West-Medien das knallgelbe Protestplakat. Die Staatssicherheit brauchte Minuten, um es abzuhängen. International erregte der Vorfall mehr Aufsehen als Leipziger Neuinterpretationen von Toccata und Fuge.

Morgen, am 24. Oktober, kehrt Stefan Welzk, einer der Urheber der Plakat-Aktion zurück nach Wilhelmshorst. Im Huchel-Haus wird er berichten, wie er und seine Mitstreiter den Coup planten, ausführten und welche persönlichen Folgen sie zu gewärtigen hatten. So enthüllte Welzk vor einigen Jahren etwa, dass sein Potsdamer Kollege Rudolf Treutmann vom Geomagnetischen Institut, das Plakat gemalt hatte. Treutmann blieb zunächst unbehelligt, denn der Zeitauslöser erschwerte der Stasi die Suche nach den Urhebern der Plakat-Aktion. 1978 erst flüchtete er.

Welzk dagegen, Doktorand am Akademie-Institut am Potsdamer Telegrafenberg, kehrte der DDR schon drei Wochen nach dem Trick mit dem Transparent den Rücken. Gemeinsam mit einem Mitverschwörer floh er in einem Faltboot aus Bulgarien, wo er Zelturlaub zu machen vorgab, über das Schwarze Meer in die Türkei. Ein Mitstreiter wurde verpfiffen und verhaftet, als er Fluchtpläne wälzte.

Welzk, der nach seiner Flucht bei Carl-Friedrich von Weizsäcker promovierte, in London, Florenz, Hamburg und München forschte sowie als Gewerkschafter und Fachjournalist tätig war, wird im Huchelhaus auch Gedichte sowie Passagen aus seinem autobiografischen Manuskript „Grenzverletzer“ lesen.

Quelle: MAZ
Von Ulrich Wangemann

Leserbrief vom 03.11.2009 zum Thema
Dass Stefan WELZK an die barbarische Sprengung der Leipziger Universitätskirche 1968 und den Plakatprotest dagegen erinnert, ist richtig. Mein Bruder Dietrich Koch und ich haben dafür die automatische Auslösung mit einem Wecker gebaut. Mein Bruder wurde als einziger Mitwirkender zu zweieinhalb Jahren Haft und Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt. Nicht richtig ist, dass er verhaftet wurde, als er „Fluchtpläne wälzte“. In seinem Urteil heißt es: „Auch insoweit musste deshalb der Angeklagte von der Anklage der Vorbereitung eines illegalen Verlassens der DDR freigesprochen werden.“ (Dietrich Koch: Das Verhör. Zerstörung und Widerstand. Dresden 2001).

Eckhard Koch, Dresden

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