I. Wilhelmshorster LiteraTour

„Spaziergang zur Ortsgeschichte“ über Dichter und Schriftstelle

Am Anfang erklang „Hubertusweg“: Ein Gedicht von Peter Huchel, tenorartig vorgetragen von Volker Horn (Deutsche Oper Berlin), seit einem Jahr selbst am Hubertusweg wohnend. Nach dieser einstimmenden wie erwartungsweckenden Ouvertüre begrüßte Dr. Paetau am sonnigen Sonntag nachmittag, dem 11. Mai, im Namen der Arbeitsgemeinschaft Ortsgeschichte gut 50 kulturgeschichtlich Interessierte vor dem Huchel- Haus, namentlich die „Freunde und Förderer“ der AG Ortsgeschichte.

Die Mitwirkenden waren schnell vorgestellt. Als Vorleser der literarischen Texte hatten neben Herrn Horn freundlicherweise Volker Tanner und Hans-Joachim Röhrig, Schaupieler am Potsdamer Hans-Otto-Theater, zugesagt. Als ausgewiesene LiteraTour-Führer sollten Lutz Seiler, preisgekrönter Lyriker und Geschäftsführer des Huchel-Hauses, sowie Dr. Anders, ortsbekannter Inhaber des Märkischen Verlags Wilhelmshorst, sich erweisen.

Ein Überraschungsgast war für den Schluss angekündigt. Nachdem Herr Paetau auf den Schlüsselbegriff der „inneren Emigration“, der in vielen Fällen das schwierige Verhältnis zwischen Schriftstellern, Politik und Gesellschaft im letzten, 20. Jahrhundert der Ideologien kennzeichne, sowie auf die bemerkenswert hohe Dichter-Dichte dieser Waldsiedlung vor den Toren Potsdams und Berlins aufmerksam gemacht hatte, ging’s endlich los zu den StättenWilhelmshorster Literaten.

Zunächst führte Herr Seiler unter „Kieferngewölbe“ ins Erdgeschoss der privaten Gedenkstätte. Entlang der dort präsentierten Ausstellung ließ er einfühlsam Person und Werk Peter Huchels Revue passieren. Dass von hier und dem Nebenhaus aus mit einfachen Mitteln das deutschlandweite, ja internationale Ansehen der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ begründet worden war, versetzte die Besucher ins Staunen. Huchels kompromisslose literarische Maxime erlaubte keine ideologischen Verbeugungen. So war der Bruch mit der SED-Kulturpolitik programmiert; 1962 wurde Huchel die Chefredaktion entzogen. Reiseverbote, Isolation und Überwachungen bis hin zum geheimdienstlichen Psychoterror zerstörten seine literarische Produktivität und schnürten ihm die Kehle zu. Entnervt und resigniert reiste Huchel 1971 aus der DDR aus. Doch der Verlust seiner märkischen Heimat, Bild-Quelle vieler seiner Natur-Gedichte, war kaum mehr zu kompensieren. Kein Spazierweg konnte ihn je wieder so inspirieren wie der entlang der Allee von Wilhelmshorst nach Langerwisch –quasi zurück in seine Kindheit.

Frei, aber vereinsamt verstarb Huchel 1981 in Staufen bei Freiburg/Br. Herr Seiler stellte das Haus am Hubertusweg 41 als Dichter-Tempel vor. Erbaut 1923 von dem kaum bekannten Romancier und Historiker Dr. Bernhard Hoeft, der dort bis 1945 wohnte, zog nach Huchels Weggang 1971 Erich Arendt ein. Er hatte Monica Huchel versprochen, sich um Haus, Hof und die Katzen kümmern zu wollen. Das konnte schon allein deswegen nicht gut gehen, weil Arendt oft und lange in mediterranen Gefilden weilte. Denn aus der antiken Mythologie des Mittelmeerraumes konstruierte er die Denkbilder seiner Gedichte – für Huchel das Werk eines „lockeren Zeisigs“. Zu diesem Urteil trug nicht nur dessen exotischer Lebenswandel bei, sondern auch Arendts oft unfertige Verse. Etwas anderes kam hinzu: Der seit seiner Jugend überzeugte Kommunist Arendt war „Spanienkämpfer“ gewesen und hatte viele Jahre bis 1950 im kolumbianischen Exil gelebt. Als offizielles „Opfer des Faschismus“ besaß er daher bei den SED-Führern bis zu seinem Tode 1983 Narrenfreiheit.

Nachdem Herr Horn im Garten vor dem Huchelschen „Schreibschuppen“ drei weitere Gedichte rezitiert hatte, zog die LiteraTour-Karawane weiter den Hubertusweg hinauf über den knochenbrecherischen Amselweg bis zur Sandpiste an der Ecke Vogelweide. Untermalt von fernem Hundegebell, führte Herr Tanner Munteres und Keckes über „Herrn Wenner und Herrn Hätter“ von Nils Werner vor – keiner, der da nicht schmunzeln musste. Zur Biografie dieses beliebten Allround-Künstlers ist überraschend wenig bekannt. Herr Anders muss wohl tief in sein Verlags-Archiv gestiegen sein, um einiges dem interessierten Publikum erzählen zu können. Der 1927 geborene Nils Werner war seit 1953 freischaffend tätig und begründete seinen Ruf zunächst als Autor von zahlreichen Kinderbüchern. Bekannt auch durch kabarettistische Spott-Einlagen, überwogen bei ihm proletarische Texte, die je später desto mehr DDR-Kritisches enthielten, bis Werner Anfang der 1980er Jahre mit der SED gebrochen haben soll. In Wilhelmshorst, wo er von 1973 bis 1983 seinen festen Wohnsitz hatte, gab Nils Werner gelegentlich Kostproben seiner humorvollen Wortspiele. Als in dieser Tradition Herr Röhrig mit der „Ballade vom Sensenmann“ dann ein Muster seines Könnens präsentierte, wunderten sich gewiss manche Anwohner über donnernden Applaus in der Vogelweide.

Weiter ging die Tour über den asphaltglatten Forstweg zum staubigen Friedensplatz. Dort steht auf naturnahem Grundstück ein Haus, das von vielen keines Blickes gewürdigt wird: Überliefert ist der Originalzustand des Bauwerks, wie es von Edlef Köppen zu Beginn der Nazi-Herrschaft gebaut worden war. Seine Erfahrungen darüber sind in dem Buch „Vier Mauern und ein Dach“ (1934) nachzulesen –Herr Röhrig hatte daraus zielsicher das Kapitel über die epochenunabhängigen Finanzierungsprobleme und deren Lösungsvorschläge zum Vorlesen ausgesucht. Wie Herr Anders zu erzählen wusste, enthält das Buch nicht nur Humorvolles über das Erlebnis des Hausbauens, sondern zugleich Ernstes zum Über-Leben in einer Diktatur – freilich „zwischen den Zeilen“.

Denn Köppen, der als junger Mann 1914 begeistert in den Krieg gezogen war und nach traumatischen Erlebnissen als Kriegsgegner 1918 heimkehrte, verfasste darüber den bekannten „Heeresbericht“ (1930). Das Buch wurde wenig später von den Nazis verboten und Köppen aus leitender Stellung beim Berliner Rundfunk gejagt. An den Spätfolgen einer Kriegsverletzung verstarb er 1939 im frühen Alter von 46 Jahren. Im Eilschritt ging es nun auf dem Dichterpfad bergan zur letzten Station „An den Bergen 29“, um einen Überraschungsgast zu hören. Der 76jährige Dr. sc. Rudolf Steinhoff war extra aus Hamburg angereist und erzählte Spannendes über das Schicksal seines Vaters, Prof. Dr. Carl Steinhoff. Der Jurist und Sozialdemokrat wurde als ostpreußischer Regierungsvizepräsident im Zuge des „Preußen-Schlags“ 1932 im Vorfeld der NS-Machtübernahme entlassen und „überlebte“ das Dritte Reich in seinem Wilhelmshorster Domizil. Nach 1945 machte Steinhoff sich mit großem Elan an den staatlichen Neuaufbau, ließ sich mit der SED „vereinigen“, wurde nach den Landtagswahlen von 1946 zum Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg gewählt und 1949 zum ersten Innenminister der DDR berufen. So steil der Aufstieg, so tief der Fall: 1952 folgte Steinhoffs politische „Kaltstellung“. Seine Vorstellungen von politischen Freiheitsrechten und sein deutschlandpolitisches Engagement waren bei Stalin und Ulbricht suspekt geworden und passten nicht mehr zur sozialistischen Neujustierung im Vorfeld der historischen Zäsur von 1952/53. Erneut zog sich Steinhoff in die innere Emigration von Wilhelmshorst zurück und widmete sich der Literatur. Sein Sohn hat unlängst 144 Gedichte im Nachlass seines Vaters entdeckt, von denen Herr Röhrig am Ende der LiteraTour Aphoristisches vortrug.

Der erfreuliche Anklang, den diese LiteraTour gefunden hat, wird wohl ein Ansporn für die AG Ortsgeschichte und die engagierten Beiträger sein, nicht erst zur 100-Jahrfeier 2007 einen ähnlichen „Spaziergang“ wieder anzubieten.

D. Kraus / R. Paetau

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