Drei Pfund gewichtige Ortsgeschichte

Eine Diskussion über Heimatgefühle und ihren Wandel im Zeitalter der Globalisierung im Wilhelmshorster Huchel-Haus

WILHELMSHORST „Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer“, sangen Kinderchöre oft zu DDR-Zeiten. Aber was heißt eigentlich „Heimat“? Das fragten sich etwa 60 Wilhelmshorster am Sonnabendabend im Peter-Huchel-Haus – ein passender Ort, denn dort hatte der Lyriker und Redakteur Peter Huchel (1903–1981) gelebt und etliche seiner sehr stark von seiner märkischen Heimat beeinflussten Werke verfasst.

Soziale Sicherheit und Wohlbefinden

Ist Heimat der Ort, in dem man geboren und aufgewachsen ist, den man vielleicht auch verlassen musste? Ist Heimat jenes Terrain, in dem man sich sozialer Sicherheit erfreut? Fühlt man sich dort beheimatet, wo die Mehrzahl der Familienmitglieder lebt? Empfindet man einen Ort als Heimat, in dem man einfach nur angenehm wohnt und sich rundum wohlfühlt?

Inwieweit lohnt es sich eigentlich, Heimatliches über Generationen hinweg zu bewahren? Über solche und ähnliche Fragen wurde am Samstag in der Veranstaltung mit dem Titel „Wozu Ortsgeschichte – kleine Heimat und Globalisierung“ heftig diskutiert.

Anlass war das Erscheinen der heimatgeschichtlichen Publikation „100 Jahre Wilhelmshorst 1907–2007 – eine Waldsiedlung vor den Toren der Hauptstadt.“

Drei kompetente Referenten sorgten engagiert für Gesprächsstoff: der seit zehn Jahren in Wilhelmshorst ansässige promovierte Historiker Rainer Paetau, Vorsitzender des „Vereins der Freunde und Förderer der Ortsgeschichte Wilhelmshorst“, die Berliner Architektin Claudia Kromrei und der Potsdamer Archivar Professor Hans-Joachim Schreckenbach.

Identität einer Schlafstadt

Paetau verteidigte den ungewöhnlichen Umfang „seines“ 1500 Gramm schweren ortsgeschichtlichen Werkes, an dem sich in fünfjähriger Arbeit 40Autoren mit Sachthemen, Biografien, Erinnerungen und Fotografien zu Wort meldeten. „Wie stiftet man Gemeinsinn in einer fast ausschließlichen Schlafstadt? Das ist die Aufgabe, an der wir ständig arbeiten.“

Was ist gewesen, was ist geblieben, was sind wir geworden, was ist in der Nachbarschaft passiert und wie hat sich das Bild unseres Ortes verändert? In diesem Sinne sei Ortsgeschichte ein wichtiger Faktor heimatbezogener Kultur, kann sie wesentlich zu verstärkter nachbarschaftlicher Kommunikation und zur Identifikation mit dem Wohnort beitragen.

In der Diskussion zeigte sich dann, dass diese Funktion von Ortsgeschichte besonders für das in Hauptstadtnähe befindliche Wilhelmshorst, eigentlich ein „Berliner Kindl“, mit einer hohen Bevölkerungsaustauschquote, wichtig ist. Immerhin ist seit der Wende ein Drittel der heutigen Bewohner zugezogen. Und sie alle erheben mit gutem Recht Anspruch auf Heimatgefühl.

Dass ein solches auch etwas mit Wohnbau- und Landschaftsarchitektur zu tun hat, machte Claudia Kromrei am Beispiel des vom Berliner Architekten Albert Geßner gestalteten Südteils von Wilhelmshorst deutlich.

Lebensraum mit eigenem Charakter

Dort gibt es keine strenge, kalte, pragmatische Linienführung, sondern harmonisch in die Landschaft eingefügte Häuser und Gärten mit klarer Abgrenzung von privatem Wohnmilieu und öffentlichen Handlungsorten. „Hier erlebt der Mensch Heimat in Übereinstimmung mit seiner Umgebung, sinnvoll in einem Lebensraum mit eigenem Charakter.“

Hans-Joachim Schreckenbach wollte wohl abschließend alle Wilhelmshorster anfeuern, sich noch stärker für die Bewahrung ihrer Ortsgeschichte einzusetzen. Er widmete seine Ausführungen den vielen rührigen Heimatvereinen und ihren spezifischen Aufgaben.

In einem hochinformativen Vortrag ließ er ortshistorisches Vereinsgeschehen von den Anfängen mit dem „Verein für die Geschichte der Mark Brandenburg“ (1838) über Arbeitsgemeinschaften im Kulturbund der DDR bis zum heute umfangreich wiedererstandenen Heimatvereinsleben Revue passieren. Ein beeindruckender Parforceritt durch die Jahrzehnte unserer Erinnerungskultur.

Geschichte als Beamten-Hobby

Während im 19 Jahrhundert nur Akademiker, Staatsbeamte, Industrielle und Großgrundbesitzer Vereinszutritt hatten, kann bekanntlich heute jeder mitmachen.

Moderator Lutz Seiler entließ schließlich sein Publikum nach fast zweieinhalb Stunden mit einer kurzen Lesung aus einem selbst verfassten Essay, das über skurriles Verständnis und eigenartige „Organisation“ von Heimatliebe, besonders auch in der DDR, manchen schmunzeln ließ.
ARMIN KLEIN
MAZ

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