Die Kriegswunde heilte nicht

Literatur – Ausstellung zu Werk und Leben von Edlef Köppen / Erstmals originale Rundfunkaufnahmen

WILHELMSHORST – „Krieg ist befohlener Mord“, erkennt Edlef Köppens Romanheld, nachdem er in den Schützengräben seinen Kriegsenthusiasmus von 1914 ausgetrieben bekommen hat. Der Roman „Heeresbericht“ (1930) ist deutlich weniger bekannt als Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ – eines der meistverkauften deutschen Bücher weltweit. Doch gehört er zu den großen Werken der Kriegsverarbeitungs-Literatur der Weimarer Republik jenseits des verklärenden Stahlgewitters Ernst Jüngers und dessen Schwärmerei vom Kampf als Naturereignis.

Wilhelmshorst hat Edlef Köppen (1893–1939), der die letzten Jahre seines Lebens in der Waldsiedlung verbrachte, zuletzt 2007 mit der Edition einer Textsammlung die Ehre erwiesen. Nun bereiten die „Freunde und Förderer der Wilhelmshorster Ortsgeschichte“ und der Kulturbund der Gemeinde Michendorf eine Ausstellung zu Leben und Werk des Autors vor – sie könnte vom 24. Oktober an zur Wiederentdeckung des Schriftstellers beitragen wie schon 2004 die Neuedition von „Heeresbericht“ der DVA.

Die Nazis verbrannten „Heeresbericht“ 1933 zusammen mit Werken von Thomas Mann und Stephan Zweig. Ihnen missfiel die Abrechnung des ehemaligen Kriegsfreiwilligen Köppen mit dem Krieg und den Verhältnissen, die zur Jahrhundertkatastrophe geführt hatten. Der Roman hat stark autobiografische Züge. Die Hauptfigur wird an der Front mehrfach verwundet, verweigert schließlich den Gehorsam und wird in die Psychiatrie eingewiesen – so erging es auch Köppen, der als Kanonier schwere Verletzungen erlitt, an deren Spätfolgen er mutmaßlich 1939 starb. Begraben ist er auf dem Waldfriedhof in Wilhelmshorst. „Heeresbericht“ wurde nach Bücherverbrennung und Ächtung erst 1976 wieder in kleiner Auflage gedruckt.

Den Organisatoren der Ausstellung im Gemeindetzentrum gelingt es auch, eine weniger beachtete Seite in Köppens Leben zu erhellen. Die des Rundfunkredakteurs Köppen – mit Ausschnitten in dessen Originalstimme. Damit leuchtet die Ausstellung jene Mediengeschichte aus, die mit dem Machtantritt der Nazis 1933 abrupt zu Ende ging: Die Frühphase kritischer, literarischer Berichterstattung in dem jungen Medium Radio.

Seit 1925 war der Köppen Mitarbeiter der „Funk-Stunde“ Berlin, dem ersten deutschen Radiosender. Seit 1932 leitete er die „Funk-Stunde“. Er kannte und rezensierte Gottfried Benn, Alfred Döblin, Thomas und Heinrich Mann, Ernst Toller, Else Lasker-Schüler und Gerhart Hauptmann.

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, setzten sie Köppen ab. Mit Kurzgeschichten und Rezensionen verdiente sich der geschasste Redakteur nun seinen Lebensunterhalt. Die Feindschaft der Nationalsozialisten holte ihn erneut ein, als die Filmfirma, bei der er als Chefdramaturg angeheuert hatte, Göbbels Reichspropagandaministerium unterstellt wurde. Köppen hatte sich geweigert, in die NSDAP einzutreten und lehnte es ab, antisemitische Filme ins Programm der Firma aufzunehmen.

Wilhelmshorst setzte Köppen auch ein literarisches Denkmal: Über den Bau seines Hauses am Friedensplatz 6 verfasste er das humoristische Buch „Vier Mauern und ein Dach“. Das Haus steht noch fast originalgetreu, ist aber in keinem guten Zustand.

„Edlef Köppen und die Schriftsteller“, Eröffnung Samstag, 24. Oktober, um 16 Uhr im Gemeindezentrum Wilhelmshorst, Albert-Schweitzer-Straße 9–11. Den Einführungsvortrag hält Wilhelm Ziehr. Die Schau ist auch am Sonntag, 25. Oktober, von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

Von Ulrich Wangemann
Quelle: Märkische Allgemeine

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