Bauhausstil fürs „normale“ Volk

Otto Haesler wäre heute 125 Jahre alt geworden

WILHELMSHORST „Ich habe das Paradies entdeckt! Erna, wir ziehen um nach Wilhelmshorst!“ Einer der renommierten deutschen Architekten in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, Otto Haesler, hatte 1953 seinen Altersruhesitz gefunden und zog von Rathenow in die Waldsiedlung vor den Toren Potsdams.

Haesler gehörte einst zur Avantgarde einer jungen Architektengeneration. Seine kreativste Schaffenszeit waren die „wilden“ 20er Jahre. Um sich vom „Alten“ des zusammengebrochenen Kaiserreichs zu lösen, waren die „Jungen“ seit 1919 auf der Suche nach dem „Neuen“. Reformieren, Revolutionieren und Experimentieren hießen die Schlüsselwörter dieser Zeit. Nur wenige wie Haesler verstanden es, aus diesem modischen Zeitgeist etwas Konstruktives zu gestalten.

Am 13. Juni 1880 war Otto Haesler in München geboren worden. 1906 machte er sich als freischaffender Architekt in Celle selbstständig – bis 1933 das Zentrum seiner Schaffenskraft. Aber nicht nur Celle hinterließ er architekturhistorische Unikate des Neuen Bauens. Der moderne und preiswerte Siedlungsbau ist bis heute mit seinem Namen untrennbar verbunden. Zu Haeslers Markenzeichen gehörten etwa das Flachdach, vom Rechteck dominierte Bauten, aufgelockerte und farbige Fronten mit akzentuierten Fenster- und Türöffnungen, von Norden nach Süden gerichtete Bauzeilen mit verglaster Südfassade – kurz: ein Bauhausstil für die „normale“ Bevölkerung.

Seine Gedanken kreisten um das zentrale Problem des Städtebaus, wie der Mietwohnungsbau mit gesundheitlichen, ästhetischen und wirtschaftlichen Anforderungen optimiert werden kann. Ähnlich wie Bruno Taut begann auch Haesler mit neuen Materialien zu experimentieren. So wurden vergleichsweise teure Ziegelsteinwände etwa durch Stahl, Beton, Bimsstein oder Strohplatten ersetzt.

Da in der Nachkriegszeit und Weltwirtschaftskrise der kommunale Wohnungsbau darniederlag, mussten die Kosten weiterhin gesenkt werden. Haesler richtete sein Augenmerk auf die Standardisierung von Bauteilen. Er gehört zu den Wegbereitern des industrialisierten Wohnungs- oder typisierten Fertigteilbaus. So kam es nicht von ungefähr, dass er 1927 Mitglied der Reichsforschungsgesellschaft für die Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen wurde. Er fand internationale Anerkennung bis hin zum Museum of Modern Art.

Unvorstellbar, dass der 53-jährige Architekt 1933 den Zenit seiner Karriere überschritten haben sollte? Auch Haesler wurde ein „Opfer“ der deutschen Geschichte, genauer: seiner politischen Einstellungen und Entscheidungen im Verlauf der politischen Systembrüche. Den Pressionen der Nazis in Celle entzog sich der Sozialist durch Wegzug nach Eutin. Die NS-Diktatur überlebte er als „innerer Emigrant“ in seiner ostholsteinischen Nische. 1945 konnte Haesler euphorisch in eine „neue Zeit“ blicken. Vielversprechende westdeutsche Angebote schlug er aus, verließ seine Familie und siedelte 1946 nach Rathenow über. Den Neubeginn seiner Karriere glaubte der 66-Jährige nur in einem kommunistischen System verwirklichen zu können. Mit Hilfe der industriellen Bauweise wollte er die sozialistische Stadt der Zukunft gestalten. Aber über Ansätze kam er kaum hinaus. Seine Illusion scheiterte an wirtschaftlichen Restriktionen der Nachkriegszeit und den politischen Vorgaben der SED-Herrscher, zumal er lange gezögert hatte, der SED beizutreten. Immerhin empfing Haesler die Ehre der Berufung zum Professor und Mitglied der Deutschen Bauakademie. Auch durfte er am Wiederaufbau historischer Objekte wie des Zeughauses in Berlin mitwirken. Doch mit der innovativen Architektur Haeslers aus den 20er Jahren hatte das nur wenig zu tun.

So steht sein konventionelles Haus in Wilhelmshorst, über dessen Baubeginn er 1962 verstarb, symbolisch für das Ende einer Architektenkarriere – aber nicht für sein Lebenswerk. Dieses wird gerade zu seinem heutigen 125. Geburtstag in Celle gewürdigt.
Paetau – Kraus
MAZ

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