125 Jahre Wetzlarer Eisenbahn – Teil 2

Vom Ende des 19.Jahrhunderts bis zu den Wirren des 2. Weltkriegs

Die vollständige Geschichte der Wetzlarer Bahn würde den Rahmen des Märkischen Bogen sprengen, so dass hier vor allem auf die Entwicklung der Bahn im Bereich der Orte Wilhelmshorst und Michendorf eingegangen wird.
Mit dem am 1. Oktober 1891 eingeführtem verbilligten Personentarif, unter anderem für die meisten von Berlin ausgehenden Vorortstrecken, begann sich auf dem Abschnitt Berlin – Belzig langsam ein stärkerer Personenverkehr zu entwickeln.
Das Entstehen der Lokomotivfabrik Orenstein & Koppel in Drewitz, führte zu einer erheblichen baulichen Erweiterung des Bahnhofs Drewitz. Da es in Wannsee eine gute Verbindung nach Potsdam bestand, wurde der Plan aufgegeben zwischen Drewitz und Potsdam ein Verbindungsgleis zu bauen. Es entstanden weitere Haltepunkte, so am 01. Oktober 1897 der Haltepunkt Rehbrücke und am 01. Januar 1902 der Bahnhof „Bork, Provinz Brandenburg“ (seit 1938 Borkheide).
Die Wetzlarer Bahn durchquerte zu dieser Zeit noch ausgedehnte Waldgebiete. Grundstücksgesellschaften wollten diese Gebiete erschließen, um dort Villenkolonien errichten zu können. Die wichtigste Voraussetzung war dafür die verkehrstechnische Erschließung durch den Bau von Bahnstationen. So entstanden damals auf Kosten und Initiative der entsprechenden Grundstücksgesellschaften verschieden Bahnhofsgebäude in der näheren Umgebung von Berlin. Diese Bahnhöfe wurden dem Charakter der jeweiligen Villenkolonie angepasst. Ein sehr schönes Beispiel ist der von den bekannten Architekten Fritz Brüning und Paul Vogler am Schnittpunkt von Wannsee- und Wetzlarer Bahn entworfene Bahnhof Nikolassee.

Fahrplan 1914

Bild 1: Dienstfahrplan aus dem Fahrplanbuch der KED Berlin, gültig ab 01. Mai 1914

Die Bewohner, der sich seit 1907 entwickelten Villenkolonie Wilhelmshorst, nutzten bis 1914 den Bahnhof Michendorf. Wahrscheinlich mit Beginn des Sommerfahrplans am 01. Juli 1914 wurde der Haltepunkt Wilhelmshorst erstmalig bedient (siehe Bild 1). Die Wilhelmshorster Grundstücksgesellschaft finanzierte den Bau eines eigenen Bahnhofs, dessen Eröffnung am 01. Juli 1915 als Haltepunkt Wilhelmshorst erfolgte. Den Entwurf lieferte der maßgeblich an der anfänglichen Entwicklung Wilhelmshorsts beteiligte Architekt Albert Gessner. So weicht das Bahnhofsgebäude vom damals üblichen Baustil der Bahnhofsarchitektur ab. Ein neues Anleihegesetz über 26 Millionen Reichsmark ermöglichte ab 1909 maßgeblich die weitere Entwicklung des Eisenbahnnetzes im Raum Michendorf. Es sah Mittel für den Bau einer südlichen Umgehungsbahn und den Bau eines Rangierbahnhofes 1 Kilometer südlich von Michendorf vor, der die Aufgaben des Rangierbahnhofes Grundwald übernehmen sollte. Die Umgehungsbahn sollte von Michendorf über Ahrensdorf, Königswusterhausen nach Rehfelde führen. Nach mehreren Änderungen führte die Strecke seit 1914 nach Mahlsdorf. Für den Anschluss der Umgehungsbahn musste der Bahnhof Michendorf höhergelegt und erheblich baulich verändert werden. Der Ausbau der Rangierbahnhofes und des Bahnhofes Michendorf begann 1913 und bereits am 02. Februar 1914 wurde der neue Haltepunkt Seddin eröffnet. Der Verschiebebahnhof erhielt 1915 statt seiner alten Bezeichnung Michendorf den Namen Seddin. Der 1. Weltkrieg verzögerte die weiteren Arbeiten erheblich und so konnten erst am 19. März 1918 die ersten 4,3 Kilometer der Umgehungsbahn zwischen dem Verschiebebahnhof Seddin und dem Bahnhof Michendorf in Betrieb genommen werden. Bis zu seiner endgültigen Inbetriebnahme im Jahr 1923 diente der Verschiebebahnhof vor allem als „Abstellbahnhof“. Seit Juni 1921 galt auf der Strecke Wannsee – Beelitz/Heilstätten endlich der langersehnte Vororttarif. Auf Grund des dadurch zunehmenden Bedarfs fuhren ab 1922 statt 4 Zugpaaren bis zu 13 Zugpaare täglich.
Zur besseren Anbindung des Verschiebebahnhofs Seddin an das Berliner Eisenbahnnetz stellte die Deutsche Reichsbahn den Abschnitt Michendorf – Großbeeren eingleisig fertig. Dadurch wurde die Strecke Michendorf – Grunewald von einem erheblichen Teil der Güterzugverkehrs entlastet.

Seit 1939 endeten fast alle Vorortzüge der Wetzlarer Bahn in Richtung Berlin in Wannsee. Der Ausbruch des 2. Weltkrieges brachte eine zunehmende Beschränkung des Reiseverkehrs. So verkehrten seit dem Frühjahr 1940 nur noch ein einziges D-Zugpaar, weiterhin zwischen Berlin-Stadtbahn und Güsten 5 Personenzüge und einzelne Züge zwischen Wannsee und Belzig. Der Vorortverkehr mit ca. 30 Zügen täglich wurde bis kurz vor Kriegsende aufrechterhalten.
Der Einzugsbereich der im Verschiebebahnhof Seddin aufgelösten bzw. gebildeten Güterzüge erstreckte sich von Pommern, über Frankfurt/Main bis zum Brenner.
Während der letzten Kriegsjahre konnte der Eisenbahnbetrieb nur unter größten Anstrengungen aufrecht erhalten werden. Die Brücke über den Teltowkanal bei Kohlhasenbrück wurde durch Fliegerangriffe zerstört. Der schwere Angriff auf den Verschiebebahnhof Seddin vom 20. April 1945, der viele Tote und Verwundetet forderte, führte zur vollständigen Einstellung des Zugbetriebes. Die Bahnhöfe in Michendorf und Seddin waren nach dem Angriff mit Zügen verstopft.

Volker Tanner (AG Ortsgeschichte Wilhelmshorst)

(Der dritte und letzte Teil dieser Artikelserie erscheint in einem der nächsten Hefte. Über Ergänzungen, Erinnerungen, Fotos und anderes ergänzendes Material zur Eisenbahngeschichte, insbesondere Wilhelmshorsts, wäre ich dankbar und bitte um Mitteilung unter Tel. 033205-62129 oder E-Mail)

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