„Wir sind das Volk“ – Erinnerungen an den „Mauerfall“ und die Friedliche Revolution 1989/90 in der Region Michendorf

Der Fall des Eisernen Vorhangs in Europa und Deutschland wie der Mauer in Berlin im Zuge des politischen Auf- und Umbruchs 1989 war ebenso unglaublich wie revolutionär mit weitreichenden Folgen. Dieses „wahnsinnige“ Ereignis ist 20 Jahre danach Grund zur Freude und zum Feiern, aber auch zum Innehalten und zur Rückschau.

Deshalb hatten die „Freunde und Förderer der Wilhelmshorster Ortsgeschichte“ Zeitzeugen aus der Region Michendorf am 10. Oktober ins Gemeindezentrum nach Wilhelmshorst geladen, um ihre Erlebnisse zu hören und die Motive ihres damaligen Handelns zu verstehen. Diese Erinnerungsberichte zogen etwa 60 Zuhörer in ihren Bann, darunter die Landtagsabgeordneten Saskia Funck und Susanne Melior sowie die Bürgermeisterin Cornelia Jung.

Den Auftakt machte Bernd Blumrich aus Kleinmachnow, ein ehemaliger Wilhelmshorster. Der seit 1977 tätige Fotograf hatte 1989/90 das Geschehen in der Region mit einem Schwerpunkt auf Potsdam im Bild fest gehalten. Versehen mit seinen Kommentaren zu diesen Bild-Erlebnissen, hat er daraus ein Buch gemacht („LinienUntreue“). Chronologisch orientiert setzte Blumrich den Rahmen für das allgemeine wie regionalspezifische Geschehen im Herbst 1989.

Plakat Mauerfall 2009

Der ehemalige Rektor der Ausbildungsstätte für Gemeindediakonie und Sozialarbeit im Potsdamer Civil-Waisenhaus, Frieder Burkhardt aus Langerwisch, berichtete über frühes oppositionelles Verhalten von kirchlichen Studenten. Ihre „Politisierung“ erhielt durch die Reaktion von SED-Funktionären auf das Massaker vom „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking Anfang Juni 1989 einen entscheidenden Schub. Einfühlsam beschrieb Burkhardt die Ängste eines Vaters, dessen Sohn in die Hände von Volkspolizei und Staatssicherheit geraten war.

Mit literarisch-rhetorischem Geschick glänzte Torsten Lodni aus Langerwisch. Er hatte als 15-Jähriger zusammen mit Schulfreunden eine Fotoausstellung zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 in der Wilhelmshorster „Camillo-Scariot-Oberschule“ vorbereitet – und eckte damit bei der SED-Ortsparteileitung gewaltig an. Die Wandzeitung und Fotos einer verfallenen Altstadt wurden konfisziert, die Schüler scharf zur Rede gestellt (vgl. Bericht in der MAZ vom 12.10.2009).

Die Wilhelmshorster Lehrerin Ruth Bockisch berichtete von Ängsten in der Eltern- und Lehrerschaft, angesichts kaum abwägbarer Risiken eine Schülerabordnung zu den zentralen Feiern zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober nach Berlin zu entsenden, was letztlich aus Sicherheitsgründen unterblieb. Und Anfang November, noch vor dem Fall der Mauer, gab es von Wilhelmshorster Lehrern Initiativen, den Lehrplan zu reformieren mit Hilfe eines „offenen Briefes“ an die Gewerkschaft Unterricht und Erziehung.

Ulrich Kling aus Wilhelmshorst las aus einem Buch vor, in dem seine aus zahlreichen Filmen gut bekannte Tochter Anja ihre Erlebnisse über die aufregende Flucht der Geschwister in die Bundesrepublik Anfang November 1989 beschrieben hat. Für die traurige Familie damals unvorstellbar, dass ein Happyend bald folgen sollte.

Der seit 1987 als Pastor in Michendorf tätige Uwe Breithor erzählte sehr dicht und spannend über seine Erlebnisse mit Jugendlichen und besorgten Christen im Herbst 1989. Er selbst sei von kirchlich-staatlichen Aufsichtspersonen unter Druck gesetzt worden, dem er aber standhielt. Seinem öffentlichen Ansehen sollte das später zugute kommen.

Die 1989 junge Mutter Susanne Melior aus Langerwisch, inzwischen als Landtagsabgeordnete der SPD landesweit bekannt, berichtete über Unsicherheiten, Gefahren und Ängste, die sie als Mitbegründerin der SDP, der Sozialdemokratischen Partei in der DDR, in der Region Michendorf im Herbst 1989 belasteten. Ihr Weg führte von der Kirche über das Neue Forum zur Sozialdemokratie als politische Mitgestalterin des revolutionären Umbruchs.

Aus Zeitgründen wurden weitere Beiträge zurück gestellt, etwa ein Bericht über die Rekruten-Demonstration in der Grenztruppen-Hundeschule („SaGo“-Gelände an der B 2) Anfang Dezember 1989. Sie alle werden in eine Publikation der neuen Reihe „Hefte zur Wilhelmshorster Ortsgeschichte“ eingehen und sind dann ausführlich nachzulesen. Dazu gehören auch mehrere Kurzerzählungen, wie die Betreffenden das historische Ereignis des „Mauerfalls“ in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 erlebten, in „Ost“ wie „West“.

Im Anschluss an die Erinnerungsberichte konnten in den Räumen des Gemeindezentrums Dokumente, Fotos und Kunstobjekte besichtigt werden, die mit den Vorträgen in direkter Beziehung stehen, die etwas zum Umgang mit dieser Geschichte als Überreste (z.B. dem mauerbewehrten Grenzsystem) aussagen oder die zeigen, wie Künstler der Region sich des historischen Themas angenommen haben (kuratiert von Horst Halling).

Weitere Veranstaltungen zum Umbruch 1989/90 sind geplant, so die Vorführung von zwei Dokumentarfilmen am 5./6. Dezember. Die Ausstellung bleibt für die interessierte Öffentlichkeit einstweilen bestehen. Schulen der Gemeinde Michendorf können Sonderführungen vereinbaren.

Rainer Paetau

Kommentare sind geschlossen.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox

Join other followers: